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Was tun, wenn Sie beim Kind eine Sprachstörung vermuten?

Was tun, wenn Sie beim Kind eine Sprachstörung vermuten? - lebexund.jetzt
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Es muss nicht immer eine "Ursache" geben. Viele Kinder haben eine verzögerte Sprachentwicklung, ohne dass jemand "schuld" daran ist.

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Kommunikation ist unser Leben. Wer nicht richtig sprechen kann oder nicht verstanden wird, steht im Abseits. Störungen möglichst früh zu erkennen und daran arbeiten, ist wichtig, sagen Experten. In allen Fällen gilt: Je früher das Problem diagnostiziert wird, desto besser der Erfolg der Therapie.

Von Stottern bis Poltern

Birgit Kastner ist Sprachheillehrerin im Bezirk Leoben. Was sind die häufigsten Aspekte, die sie mit den Kindern in der Volksschule bearbeitet? "Die Vertauschungen von Lauten, Sprachentwicklungsverzögerungen, Fehlbildungen und Auslassungen von Lauten", sagt sie. Weiters Redeflussstörungen wie Stottern oder Poltern (zu rasches Sprechen mit Auslassungen) sowie Wortschatz- und Ausdrucksprobleme.

Ein Fünftel der Kinder betroffen

Interessant: Der berühmte "S-Fehler", das Lispeln, gilt für manche Logopäden gar nicht mehr als vorrangig zu behebender "Sprechfehler", "aber ich arbeite schon noch daran, wenn sie sehr auffällig sind und es meine Zeit erlaubt", sagt Kastner. Wenngleich hier auch der Zahn der Zeit einige wenige Gebissanomalien heilt – Zahnlücken schließen sich und lassen die Zunge zuweilen von selbst wieder hinter den Schneidezähnen verschwinden.

Kinder mit Defiziten werden schon im Kindergarten entsprechend gefördert, wenn es die Ressourcen zulassen. Für alle Schulanfänger gibt es dann ein "Screening". Rund ein Fünftel weist Sprachauffälligkeiten auf, bis zum Ende der zweiten Klasse sind sie meist wesentlich gebessert.

Wenn der Snee dommt

Was macht die Sprachheillehrerin mit den Kindern in der Schule? Sie schult die Lautbildung. Sie trainiert das Formulieren kurzer Sätze, dann Erzählungen, meistens in spielerischer Form. In Zusammenarbeit mit den Klassenlehrerinnen der 1. Klassen ist neben Sprachförderung auch eine Förderung im Bereich der Schriftsprache (Lesen und Schreiben) möglich.

"Lustig ist das Arbeiten mit Gedichten und Witzen, da sind auch alle Satzmuster drin!" Dem "Snee" wird der Kampf angesagt, wenn der Winter "dommt", bis "krei" kann so manches Kind bald zählen, aber oft nicht präzise formulieren. Stottern und "Poltern" (zu schnelles Sprechen mit vielen Auslassungen) werden bearbeitet. Und dann gibt es – selten aber doch – noch die "Mutisten": Kinder, die gar nicht sprechen, oder nur in bestimmten Situationen, obwohl sie es könnten.

Oft ist keiner "schuld"

Es geht um die korrekte Aussprache von Lauten, wie dem S, es geht aber auch um Ausdrucks- und Grammatikprobleme, die sich zu Sprachentwicklungsverzögerungen verbinden. Es betrifft oft Kinder, bei denen zu Hause nicht so viel kommuniziert wird, "die ein weniger gutes Sprachvorbild haben", wie es Birgit Kastner formuliert. Um im selben Atemzug den Eltern die "Schuld" zu nehmen: "Eine Entwicklungsverzögerung hat viele Gründe, den Eltern kann man da nichts vorwerfen." Probleme mit der Sprache haben häufig auch Kinder mit Migrationshintergrund – das war der Grund für die systematische Einführung der Sprachstandsfeststellung im Kindergarten.

Verzögerungen erkennen

Wichtig ist, die Verzögerung zu erkennen und darauf zu reagieren. Wann sollten die Alarmglocken schrillen? Gudrun Kolland hat eine logopädische Praxis in St. Michael. "Ein Meilenstein ist das Ende des zweiten Lebensjahres. Da sollten die Kinder rund 50 Wörter verwenden und auch schon Zweiwort-Sätze bilden." Die Logopädinnen und Logopäden können erkennen, ob es sich nur um eine Verzögerung handelt oder um eine Störung.

Verzögerung oder Störung?

Diese Anzeichen legen eine logopädische Abklärung nahe:

  • Im 1. Lebensjahr: Wenn das Kind kaum Geräusche produziert, auf Geräusche nicht reagiert und keinen Blickkontakt aufnimmt.
  • Mit 12 Monaten: Wenn das Kind noch keine ersten Worte spricht und nur mit Gestik und Mimik versucht zu kommunizieren.
  • Mit 18 Monaten: Wenn sich das Kind nicht mehr weiterentwickelt oder aufhört zu sprechen.
  • Mit 24 Monaten: Wenn das Kind weit weniger als 50 Wörter spricht, keine Zweiwort-Sätze bildet („Mama da“), wenn es unverständlich spricht oder Sie das Gefühl haben, Ihr Kind versteht Sie nicht.
  • Mit 36 Monaten: Wenn das Kind für Fremde unverständlich spricht, wenn es keine Tätigkeitswörter, Artikel oder Eigenschaftswörter benutzt, wenn es noch nicht beginnt, die Mehrzahl zu bilden.
  • Mit 48 Monaten: Wenn das Kind die Wörter nicht korrekt aneinanderreiht. Wenn es grammatikalisch falsch oder nicht verständlich spricht.

Ein Drittel der Spätentwickler haben Probleme

Dann sollten Eltern nicht mehr mit der Therapie zuwarten: "Das wird inzwischen auch von Kinderärzten so gesehen. Ein Drittel der Spätentwickler hat später Probleme, zum Beispiel beim Schriftsprachenerwerb: da kann dann womöglich ein junger Elektriker eine Bedienungsanleitung nicht sinnerfassend lesen."

Aufmerksamkeit ist im Übrigen vom Babyalter an angebracht. Den "guten Schnuller" gibt es übrigens nicht.

Therapie läuft oft ganz spielersich ab

Das Wort "Therapie" sollte Eltern nicht schrecken, vieles kommt für die Kinder auch als spielerische Aktivität daher. Ernster ist es im späteren Leben, wenn Belastungen oder Krankheiten das Reden behindern. Körperliche oder geistige Einschränkungen gibt es auch bei Kindern – die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte etwa, oder die Trisomie 21, oder Autismus.

Aufpassen bei Zahnspangen

Häufig ist logopädische Therapie auch begleitend zu einer Zahnspange nötig, berichtet Gudrun Kolland aus der Praxis. Durch inkorrekte Zungenruhelage oder falsche Schluckmuster wird die Zunge gegen die Zähne gepresst. "Dadurch werden die Zähne verschoben und der Erfolg der Zahnspange zunichtegemacht."

Begleitende logopädische Therapie

Kieferorthopäde bzw. Zahnärztin sind in der Regel der bzw. die Erste, dem/der es auffällt, und sie empfehlen eine begleitende logopädische Therapie. Die größte Herausforderung: Dass die Kinder, aber auch die Erwachsenen es nicht nur in der Therapiestunde, sondern auch im Alltag richtig machen. Oft sei es daher schwierig festzustellen, wann man mit der Therapie "fertig" sei.

Ziel ist ein optimales Zusammenspiel der gesamten Gesichtsmuskulatur. Ist zum Beispiel die Nasenatmung durch häufige Infekte erschwert, kann ein inkompletter Mundschluss die Folge sein, der die Tragedauer der Zahnspange verlängert.

Wenn das Reden verlernt wird

Im höheren Alter kann das Risiko jeden treffen. Kolland arbeitet viel mit Schlaganfallpatienten und Menschen, die an Parkinson oder MS leiden. Oft beginnt die Therapie schon in der Klinik. Je schneller, desto besser.

Wenn die Stimme fehlt

Probleme mit dem Sprechen kann jeder bekommen, insbesondere Menschen, die beruflich sehr viel sprechen und ihre Sprechwerkzeuge überlasten. Auch hier hilft begleitende Therapie.

Die Sprachheillehrer und Sprachheillehrerinnen sind an den Volksschulen tätig, sie sind ausgebildete Lehrer mit Spezialausbildung. Die Logopädinnen und Logopäden haben eine Fachhochschul-Ausbildung. Der Bedarf ist riesig, das Angebot minimal.

Viel zu lange Wartezeiten

In den Spitälern ist die logopädische Therapie kostenlos, danach kann es teuer werden. Es gibt Kassenstellen, davon sind die meisten jedoch nicht besetzt, weil viele Logopädinnen sich nicht in der Lage sehen, mit den Kassentarifen ihre Kosten abzudecken. Für die Therapie in Privatpraxen erstatten die Krankenkassen in der Regel etwa die Hälfte der Behandlungskosten zurück. Eine Stunde kostet ca. 80 – 90 Euro. Für Kinder mit Behinderungen kann allerdings um einen Zuschuss angesucht werden.

Terminsuche Logopädie

Für Termine in den Regionen gibt es allerdings teils lange Wartezeiten, nur in Graz ist es etwas besser. Eine Liste aller Logopädinnen und Logopäden stellt auch der Berufsverband auf seiner Homepage zur Verfügung, mit guter Suchfunktion für Bundesland bzw. Bezirk und Art der Beschwerde. Informationen gibt es online in mehreren Broschüren des Berufsverbandes logopädieaustria.

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Quelle: Kleine Zeitung/Claudia Gigler

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