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Warum werden manche Menschen weise – und andere nicht?

Warum werden manche Menschen weise – und andere nicht? - lebexund.jetzt

Weisheit wird uns weder in die Wiege gelegt noch in die Bahre, erzählt die Weisheitsforscherin Judith Glück. Weisheit entstehe aus einer gewissen Haltung dem Leben gegenüber, die viel mit Offenheit zu tun hat.

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In ihrem Buch "Weisheit. 5 Prinzipien des gelingenden Lebens" schreibt Judith Glück:  „Der Weg zur  Weisheit ist lang, steinig, häufig steil und unbequem." Zur Weisheit gehöre viel Lebenserfahrung. Lebenserfahrung heißt aber nicht nur, Dinge erlebt zu haben, sondern auch darüber reflektiert und entsprechende Schlüsse gezogen zu haben.

Weise Menschen haben also ein großes Wissen über das Leben, die Welt und andere Menschen sowie auch über sich selbst. Keinesfalls wird man mit dem Alter automatisch weise –  es gibt ältere Menschen, die sehr wenig aus ihren Erfahrungen mitgenommen haben.

Sie beforschen die Weisheit, eine, wie Sie sagen, komplexe und seltene Eigenschaft. Haben Sie zu einer Definition gefunden?
Unsere aktuelle Definition nimmt – kurz gefasst – zwei große Komponenten von Weisheit an. Die erste ist ein großes Erfahrungswissen über das Leben, das auch beinhaltet, was wir alles nicht wissen können, weil Menschen verschieden, Situationen komplex und zukünftige Ereignisse nur selten vorhersehbar sind. Die zweite Komponente ist eher eine Haltung: Weise Menschen sind offen für neue Erfahrungen und andere Sichtweisen, hinterfragen sich selbst kritisch, sind wohlwollend und mitfühlend gegenüber anderen und haben eine gewisse emotionale Ausgeglichenheit.

Die beiden Komponenten beeinflussen sich gegenseitig. Zum Beispiel können wir in schwierigen Situationen oft das Lebenswissen, das wir eigentlich haben, gar nicht richtig nutzen, weil starke Gefühle es uns unmöglich machen, eine breitere Perspektive einzunehmen. Weise Menschen können mit Gefühlen – eigenen und fremden – sehr gut umgehen.


Judith Glück lehrt und forscht an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Im Bild mit einer Eule in der Adlerarena Burg Landskron 
Foto: AAU/Daniel Waschnig

Wie erwerben Menschen Weisheit?
Indem sie sich intensiv damit auseinandersetzen, wie sie leben, was sie erleben, was sie mitbekommen. Dieses Wissen entsteht nur, wenn man eine bestimmte Haltung zum Leben hat. Man braucht diese Haltung auch, um das Wissen einsetzen zu können. Denn genau dann, wenn wir unsere Weisheit am nötigsten brauchen – etwa in einem Konflikt –, können wir sie nicht einsetzen, weil wir mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigt sind.

In Ihrem Buch schreiben Sie sinngemäß: Ein bisschen weise sind manche, sehr weise sind wenige. Warum ist das so?
Weil der Weg zur Weisheit ein schwieriger ist – er erfordert, dass man sich kritisch und in die Tiefe gehend auch mit schmerzhaften Erfahrungen auseinandersetzt, zum Beispiel mit Fehlern, die man gemacht hat. Daran kann man wachsen, aber das kann auch wehtun. Oft ist es einfacher, sich die Geschichte so zurechtzulegen, dass andere schuld sind oder dass es ja zum Glück vorbei ist. Das tut gut, aber man entwickelt sich dann ­natürlich nicht viel weiter.

Wir glauben, dass alte Leute, die weise sind, sich eine kindliche Offenheit erhalten haben.

Weisheit hat mit Erfahrung zu tun, aber nicht jeder, der alt wird, wird auch weise. Führt Bemühen zu Weisheit oder muss man das nicht bewusst anstreben?
Ich denke schon, dass man sich um Weisheit gezielt bemühen kann, indem man eben zum Beispiel versucht, das eigene Handeln zu hinterfragen, sich in andere hineinzuversetzen oder Gefühle ernst zu nehmen. Es gibt allerdings auch Menschen, die sich auf eine Art bemühen, weise zu sein, wo man dann letztlich das Gefühl hat, es geht ihnen eigentlich vor allem um Bewunderung. Weise Menschen helfen anderen, um ihnen zu helfen, nicht um sich nachher selber auf die Schulter klopfen zu können.

Wenn ein Leben glattläuft, wird nichts mit Weisheit?
Naja, so ganz glatt läuft ja kaum ein Leben … Wir gehen nicht davon aus, dass man ganz besonders negative Erfahrungen gemacht haben muss, um Weisheit zu entwickeln. Es braucht ein gewisses Ausmaß an Erfahrungen, die einen dazu bringen, die eigene Weltsicht zu verändern – dadurch erkennt man dann oft auch, dass Menschen aus guten Gründen unterschiedliche Weltsichten haben. Solche Erfahrungen können auch durchaus positiv sein. Ein Kind zu bekommen verändert beispielsweise das Leben und die Prioritäten von Menschen stark – und lehrt sie auch, wie vieles im Leben man nur sehr begrenzt steuern kann.

Wir glauben, dass die „ganz normalen“ Erfahrungen, die fast jeder Mensch im Leben macht, schon ausreichen, um Weisheit zu entwickeln. Ich glaube jetzt gar nicht mehr so sehr, dass es spezifische Einzelereignisse sind, die weise machen, sondern eher diese Grundhaltung, über das Leben nachzudenken – sich anzuschauen, was andere Menschen erleben, ihnen zuzuhören und insgesamt viel aufzunehmen und zu verarbeiten.

Wir haben Hinweise, dass auch positive Dinge richtig genießen und sich freuen zu können einem dazu verhilft, neue Perspektiven zu sehen. Darin liegt ein Potenzial für Weisheit.

Wann wird eine Person im Alltag als weise wahrgenommen?
Wenn man Menschen fragt, wann in ihrem Leben einmal jemand wirklich weise war, erzählen sie oft Geschichten, wo sie mit einem schwierigen Problem irgendwie „angestanden“ sind und dann hat ihnen jemand, vielleicht nur mit ein paar Worten, eine neue Perspektive aufgezeigt. Jemand, der ihnen Verständnis und Mitgefühl entgegengebracht, aber eben auch in der Lage war, das Problem anders und quasi von außen zu sehen und ihnen dadurch weiterzuhelfen.

Es gibt den Ausdruck „naseweis“. Er weist in die Richtung „besserwisserisch“. Sind weise Menschen je besserwisserisch?
Besserwisserisch zu sein ist niemals weise. Weise Menschen hören mehr zu als sie Rat geben. Sie helfen anderen, selber Lösungen zu finden.

Tragen weise Menschen in ihrem Umfeld automatisch zu mehr Weisheit bei? Anders formuliert: Ist Weisheit „ansteckend“?
Meine Mitarbeiterin Irina Auer-Spath untersucht in ihrer Dissertation, ob und unter welchen Bedingungen Menschen voneinander Weisheit lernen und miteinander weiser werden können. Weisheit wird in hohem Maße von anderen Menschen gelernt, und zugleich sind weise Menschen ganz besonders gut darin, von anderen zu lernen.

Leben weise Menschen mitten ­unter uns?
Weise Menschen interessieren sich für andere Menschen und hören gern auch Menschen zu, die andere Qualitäten haben. In einer Studie darüber, wie weise Menschen leben, hat meine damalige Mitarbeiterin Katja Naschenweng herausgefunden, dass sie Diskussionen mit anderen (auch sehr anderen) Menschen und die Beschäftigung mit Kunst, Theater, Philosophie usw. als wichtig und bereichernd erleben.

Buchtipp: Judith Glück: Weisheit. Die 5 Prinzipien des gelingenden Lebens
Judith Glück beschreibt die fünf Ressourcen weiser Menschen: Offenheit für Neues, Emotionsregulation, Einfühlungsvermögen, Reflektivität und Akzeptanz von Unkontrollierbarkeit. Mit Fallbeispielen und vielen Gedankenanstößen. Verlag Kösel.

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Quelle: Kleine Zeitung/Lebensstil/Roswitha Jauk

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